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Interview Gerald Munier


Sie sind Historiker und haben geschrieben über Comics mit einem historischem Thema. Was kann man lernen von comics?

Ich bin promovierter Historiker und habe 1999 meine Doktorarbeit zu dem geschichtsdidaktischen Thema „Geschichte im Comic – Aufklärung durch Fiktion? Über die Möglichkeiten und Grenzen des historisierenden Autorencomic der Gegenwart“ (erschienen als Buch bei UNSER Verlag, Hannover 2000, ISBN 3-934208-06-1) geschrieben. Vom Lesen von Comics mit historischem Inhalt lässt sich eine ganze Menge lernen, denn schließlich ist Geschichte ja die Politik von gestern. Ein gelungener historisierender Comic spiegelt das wider und versetzt uns in die Lage, die damaligen politischen Konflikte, gesellschaftlichen Verhältnisse und kulturellen Essentials zu begreifen, besser verstehen zu lernen und eventuell sogar Schlussfolgerungen für die Gegenwart daraus abzuleiten. Eine solche „Verlebendigung“ der Vergangenheit gelingt aber leider nur den wenigsten Comic-Künstlern. Im Comic-Medium gibt es genauso viel Schrott und geistigen Müll wie in Romanen, im Film oder in der Musik. Der geneigte Pädagoge oder Geschichtslehrer muss sich daher intensiv mit dem Medium befassen und eine Auswahl geeigneter Comic-Stoffe treffen, bevor er dies Medium im Unterricht einsetzen kann.

Sie sprechen von dem Konzept der ‘gefrorenen Bewegung’ in Bezug auf Comics Narration. Was meinen Sie damit?

Das Konzept der „gefrorenen Bewegung“ ist eine künstlerische Besonderheit des Comic-Storytellings. Da sich ein sinnhafter Erzählstrang nur in der Abfolge mehrerer einzelner Panels zu einer Sequenz –Will Eisner spricht deshalb auch von sequential art – ergibt, haben wir es immer mit einer unbestimmten Anzahl von Panels zu tun, wobei im Hiatus, also der „Lücke“ zwischen zwei Einzelbildern, Zeit vergeht. Das können eine Millionen Jahre sein oder wenige Sekunden. Was der Comic-Zeichner in einem einzelnen Panel präsentiert, ist faktisch eine „gefrorene Bewegung“, also ein zeitlicher Stillstand. Die Bilder lernen erst laufen, indem mehrere Panels zu einer Sequenz, also einem aussagekräftigen Handlungsstrang, zusammengefasst werden, der natürlich einer bestimmten Zeitspanne bedarf, wie jede Handlung. Den Fortlauf des Handlungsfadens also im Einzelbild immer wieder zum Stillstand zu bringen und erst in der Aneinanderreihung zur Sequenz eine zeitliche Verlaufsform zu prägen, ist eine mediale Besonderheit des Comic, die so kein anderes Medium bietet. Begabte Comic-Zeichner und Szenaristen nutzen die vielfältigen Möglichkeiten dieser „comiceigenen Grammatik“ natürlich künstlerisch und narrativ und das gibt dem Comic sein ganz eigenes Gepräge als Kunstform.

Was ist die Bedeutung von ‘Le passengers du vent’ für den historisierenden Comic?

„Reisende im Wind“ aus der Feder von Bourgeon kommt als Albenwerk eine besondere Bedeutung zu: Es markiert den Beginn des anspruchsvollen historisierenden Autorencomic für Erwachsene. Natürlich gab es schon viele Jahrzehnte zuvor Historiencomics, wie etwa Prinz Eisenherz aus dem Jahre 1937. Aber Bourgeon inspirierte mit seinem atemberaubenden Zeichenstil und seiner gekonnten Erzählweise eine Höherentwicklung des gesamten Comic-Genres: Fortan wollte der Leser auch etwas über den Autor wissen und der Autor richtete sich mit seinem Comic-Werk nicht mehr nur an ein kindliches oder jugendliches Publikum, sondern an eine erwachsene Leserschaft. Das implizierte natürlich höhere Ansprüche an die zeichnerisch-stilistische Ausfertigung und die stofflich-literarische Darbietung. Vor allem franko-belgische Szenaristen und Zeichner schufen nun seit der Mitte der 1980er-Jahre viele bedeutende historisierende Comic-Werke, so dass wir heute über eine erstaunliche Fülle von hochklassigen historischen Comic-Erzählungen verfügen. Deshalb befassen sich ja seit neuestem auch Geschichtsdidaktiker mit diesem Medium.

Was ist ihren Urteil über die historischen comics von Hans Kresse?

Hans Kresse hat mit seinen eindrucksvollen Indianer-Comics sicherlich hinsichtlich der visuellen Seite ganz Erstaunliches geleistet und ein relativ authentisches Bild des indianischen Lebens gezeigt oder besser gezeichnet. In meiner Doktorarbeit bin ich dennoch zu einem negativen Urteil seines Beitrags gelangt, da Kresse eben „nur“ visuell die Historie ins Bild setzt, aber ihm gelingt keine sinnstiftende historische Narration. Heute vertreten die Historiker mehrheitlich die Auffassung, dass eine reine Abbildung der Geschichte, wie sie wirklich war, zwar auch ihre Berechtigung hat und sein muss, aber sich darin nicht erschöpfen darf. Wichtig ist die historische Sinnbildung, also etwa ein Gegenwartsbezug, die Untermauerung einer weltanschaulichen Auffassung, eine aufklärerische Komponente und dergleichen mehr. Wenn Kresse zum Beispiel einen Plot entwickelt, aus dem die Apachen siegreich hervorgehen, dann kann daraus nicht wirklich ein sinnstiftender Blick auf die Geschichte erwachsen, denn in der wirklichen Geschichte wurden die Apachen ja schließlich durch die US-Army besiegt und unterjocht. Sicher hat es davor auch einige siegreiche Gefechte zugunsten der Apache gegeben, aber wenn das „große Ganze“ – also die letztendliche Niederlage der Apachennation dabei gar nicht mehr in den Blick gerät – macht das gesamte Album nur wenig Sinn und verwirrt sogar unter Umständen historisch weniger gebildete Leser. Es wird dann von dem Künstler keine realitätstüchtige „Epochensensibilität“ geschaffen, denn eine solche entsteht nur, wenn der schließliche Ausgang der Epoche, also die Vernichtung der Apachen und damit das Ende der Indianerkriege angemessen mit dem übrigen Plot verwoben ist.

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